Gedanken zur Nacht



Vor kurzem war ich in Rütte. Auf dem Weg zum Zendo ist es sowohl morgens als auch abends dunkel und ich durfte wieder einmal wirklich dunkle Nächte erleben. Schon seit meinem allerersten Tag in Rütte bin ich von diesen Nächten angezogen. Leider gibt es immer mehr Bewegungsmelder, so dass es nicht mehr so dunkel ist wie vor vielleicht 10 Jahren, aber man findet auch Stellen, die davon weniger betroffen sind. Die Schönheit der dunklen Nacht hat mich wie immer vollkommen fasziniert. Heute im Advent 2020. Ich stehe da und staune, atme die Luft, die ganze Atmosphäre und fühle mich eins mit dem Universum.


Zurzeit nähern wir uns hier auf der Nordhalbkugel von Mutter Erde immer mehr der längsten Nacht des Jahres, der Wintersonnenwende. Die längste Nacht des Jahres ist die Nacht vom 21. zum 22. Dezember. Dann ist es in Tromsø 24 Stunden dunkel, in Hamburg noch 16,5 Stunden, in Freiburg immerhin noch 15,5 Stunden. Es ist dunkel, Nacht.

Wirkliche Nacht, diese Abwesenheit von Licht, vom Licht der Sonne, können wir heute nur noch an wenigen Orten erleben. Dort, wo die meisten Menschen leben, in Großstädten oder Mega-urbanen Räumen, ist die Welt so mit Licht verschmutzt, dass viele Menschen überhaupt nie die Wirklichkeit einer dunklen Nacht erfahren können. Aber wo es wirklich Nacht wird und der Himmel nicht hell ist von den Beleuchtungen der Straßen, Wohnungen und Autos, den Reklamen, den Lasern, den abertausend glitzernden Lichtlein, die als Dekoration die Nächte des Adventes erhellen, dort kann es schwarz vor Dunkelheit sein. Aber es strahlen auch die Sterne heller und man kann viel mehr Sterne sehen, auch das Mondlicht scheint heller zu sein, und wenn es der Himmel ganz gut mit uns meint, scheint der Vollmond auf eine schneebedeckte Landschaft und macht sie fast taghell.

Merkst du etwas? Auch ich versuche der Dunkelheit zu entfliehen, die in der Polarnacht der skandinavischen Länder die Suizidrate steigen lässt, und erhelle sie mit Sternen und Mondlicht. Dabei fahre ich aber gern in der Nacht Auto. Ich sehe dann nur das, worauf mein Scheinwerfer fällt, alles andere verschwimmt – Landschaften, Schriften, Gebäude – alles huscht ungesehen vorbei. Ich kann nicht unterscheiden - „in der Nacht sind alle Katzen grau“, sagt man. Das bedeutet, dass ich in der Nacht nicht unterscheiden kann, wenigstens nicht mit Hilfe meines Sehvermögens. Umso mehr sind meine Ohren gefordert und der Geruchssinn - Blumen duften nachts stärker –, und meine innere Orientierung, von der nicht so viel ablenkt wie tagsüber, ist mehr gefragt.  

Wie gesagt, ich liebe die Nacht. Weil ich nichts sehen kann, bilde ich mir vielleicht auch ein, dass ich nicht gesehen werde. Wie ein Kind – Hände vor die Augen, ich sehe dich nicht, ich bin weg. Manche lieben es besonders, in der Nacht spazieren zu gehen. Die Nacht ist still und geheimnisvoll – oh, wie still, denke ich – bis plötzlich irgendwo ein Schrei die Stille zerreißt: der Todesschrei eines Tieres im Wald – dann wieder Stille. In der Stadt ist die Nacht weit weniger still, weil viele die Nacht zum Tag machen. Besonders im Sommer vibrieren nachts die Städte vor Leben. Und da, wo viele Menschen sind, ist die Nacht zum Teil auch gefährlich. Natürlich ist nicht die Nacht selbst gefährlich, sondern der Aufenthalt in dunklen, wenig beleuchteten Ecken, denn – wieder ein Sprichwort - im Dunkeln ist gut munkeln. Unehrlichkeit, Gewalt, Gesetzlosigkeit scheuen das Licht, sie wollen nicht gesehen werden. Manche Menschen haben daher in der Nacht Angst, ganz konkret Angst vor Gewalt, aber auch manchmal nur so ein diffuses Unwohlsein. Die körperlichen Auswirkungen der Angst wie z.B. Herzklopfen oder schnellerer Atem sind der Ausdruck der Verlorenheit in einem bedrohlichen und orientierungslosen Raum.

Solch ein orientierungsloser Raum ist die Zeit zwischen dem 20. Dezember und dem Neujahrstag, manchmal auch dem Dreikönigstag, die Rauhnächte. Sie fallen schon in den Beginn der wieder länger werdenden Tage und bezeichnen eine Zeitspanne, die irgendwie aus der Zeit zu fallen scheinen. Diese 12 Nächte ergeben sich aus der zeitlichen Differenz zwischen dem Sonnen- und dem Mondjahr. Es ist die Zeit »zwischen den Jahren«.  Es ist die große Pause im Rhythmus des Jahres. Es ist eine große Schwellen- und Übergangszeit, Zeit, innezuhalten und zugleich eine Zeit der Vorausschau auf das kommende Jahr. Sie soll sehr offen sein für besondere Erfahrungen mit einer anderen Dimension, in der allerlei Geistwesen wirken. Auch wenn die meisten Menschen heute nicht mehr an Kobolde glauben, so sind diese Erzählungen doch nur Ausdruck einer erlebten und dann gedeuteten Wirklichkeit. 12 Nächte entsprechen auch den 12 Monaten im Jahreskreis und in der Beschäftigung mit den Rauhnächten ist es auch eher die Zeit, die zwischen Vergangenheit und Zukunft changiert, die nicht weiß, wohin sie gehört. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass für mich besonders als Kind diese Zeit zwischen den Jahren immer etwas sehr Eigenes an sich hatte.  


So bin ich in meiner Beschäftigung mit der Nacht ganz allmählich aus dem Erfahrungshorizont der eigentlichen Nacht herausgetreten und habe mit den Rauhnächten auch das Feld der Deutung der Erfahrung betreten. Die wichtigste Deutung ist dabei wohl die Mythologie vom Anfang. Ein sehr alter griechischer Mythos geht so: „Am Anfang gebar die schwarzgeflügelte Nacht ein Windei. Diesem Windei entsprang Eros mit seinen goldenen Flügeln auf dem Rücken.“ Es ist wohl der kürzeste Schöpfungsmythos, den ich kenne. Am Anfang ist nichts außer Nacht, dann Wind, dann Eros.

Die Bibel beginnt mit „Finsternis lag über der Urflut“ und daraus werden am ersten Schöpfungstag dann Tag und Nacht geschaffen. Es gibt hier einen Unterschied zwischen der reinen Finsternis quasi als Seinszustand überhaupt und der Nacht, der der Tag zugeordnet ist. Aus dem Dunkel kann allerhand Unbekanntes auftauchen. Wir sind sehr auf unsere intuitive Wahrnehmung angewiesen, weil Strukturen und Ordnungen kaum zu erkennen sind. Das, was unsichtbar im Dunkel liegt, ist unbewusst und kann sich als sehr Unterschiedliches erweisen. Die Farbe der Nacht, des Dunkeln, ist Schwarz. Ich assoziiere es mit Tod, Abgrund, Kohle - das heißt Verbranntes ehemals Organisches -, mit dem Bösen, dem Teufel, dem Schatten, mit Höhle. Schwarz ist eine sehr dichte Farbe und birgt zum einen die Fülle des Geheimnisses aber auch die Totalität des Nichts. In einem undurchdringlichen Schwarz stehend kann alles möglich sein. Schwarz ist das Unbewusste und gehört zum Symbolkomplex der Mutter: Das Dunkel der Gebärmutter, Grab, Höhle, aber ebenso Fruchtbarkeit.

Wenn wir uns mit der Farbe Schwarz beschäftigen, dann wäre noch wichtig, dass der Wandlungsstein in der Alchemie schwarz ist. Schwarz ist die erste Stufe der Wandlung, die Nigredo. Ebenso ist die Kaaba schwarz, die als Heiligtum Jahr für Jahr von Muslimen umrundet wird. Und im Alten Testament der Christen heißt es, „der Herr hat die Sonne an den Himmel gesetzt; er selbst wollte im Dunkel wohnen“. Die schwarze Nacht ist also auch Ort der Gottgegenwart.

Wenn ich so bedenke, was bei genauerer Betrachtung im Zusammenhang mit Nacht alles zutage tritt, bin ich doch sehr erstaunt. Eine, nein mehrere Welten tun sich da auf. Und alle Welten haben mit meiner Erfahrung von Dunkel/Schwarz/Nacht zu tun – Erfahrungen in unterschiedlichen Dimensionen.

Auch in meinem Innern ist es manchmal Nacht. Ich sehe nichts, nicht wo ich bin und nicht, wo ich hinwill. Vielleicht ahne ich etwas von einem Prozess, der sich anbahnt, aber ich kann ihn nicht benennen. Mir fällt der spanische Mystiker Johannes vom Kreuz ein. Während seines Kerkeraufenthalts schrieb er verschiedene Gedichte, deren Schönheit immer wieder gerühmt wird. Eines heißt „Die dunkle Nacht“ und thematisiert den Weg zur Gottesbegegnung. Ein anderes „Wie gut weiß ich den Quell“. Die erste Strophe heißt „Wie gut weiß ich den Quell, der fließt und strömt, obwohl es Nacht ist“. In diesem Gedicht spricht er von der Kraft des Glaubens trotz aller Widrigkeiten. Alles scheint gegen ihn zu sprechen, er sitzt unter schrecklichen Bedingungen ohne Urteil und ohne, dass er sich etwas zu Schulden kommen ließ, im Kerker von Toledo, wird gequält und gedemütigt, aber er weiß den Quell, der fließt. Welch eine Zuversicht!


Der äußeren Not und Ungerechtigkeit von Johannes vom Kreuz vergleichbar kann man auch im Zusammenhang mit der Not in der Welt von Nacht sprechen. Armut, Naturkatastrophen, Hunger, mangelnde Bildung, Unfreiheit, Krieg, auf der Flucht im Mittelmeer oder im Indischen Ozean ertrinkende Menschen, Leben in einer der Flüchtlingsunterkünfte in Afrika oder Europa, Menschenhandel, Kinder, die als Organlieferanten verkauft werden, Kinder, die missbraucht werden, Menschen, die wegen der westlichen Billigmentalität nicht adäquat bezahlt werden, Drogenhandel, Umweltverschmutzung, Erderwärmung... Nacht . Ich merke, wie mir bei der Aufzählung all dieser Not die Tränen kommen und ich bin wahrscheinlich noch nicht einmal fertig. All diese Dinge sind bekannt, sie sind nicht mehr ganz unbemerkt, aber die Augen der meisten Menschen der sogenannten westlichen Welt schauen nicht hin. Sie haben noch nie sehr intensiv zu den Elendsstellen geschaut, aber seit einem knappen Jahr hält uns alle ein anderes Thema in Atem.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle von dieser Geißel der Menschheit sprechen, die sich Coronavirus SARS-CoV-2 nennt. Aber angesichts der oben erwähnten Nöte kommt mir unsere Not mit Covid-19 vergleichbar klein vor, wenigstens auf den ersten Blick.

Aber was geschieht durch diese Erkrankung? Menschen stecken sich an, manche werden krank, manche sogar schwer und manche sterben sogar daran. Das ist das eine. Wir haben uns daran gewöhnt, dass so etwas nicht zu geschehen hat. „Wir haben das Virus nicht mehr im Griff“, höre ich, lese ich. Wer hat sich jemals eingebildet, das Leben im Griff zu haben? Aber wir sind so sehr gewöhnt zu glauben, alles im Leben im Griff zu haben und sind dann völlig überrascht, dass es diese Kontrolle gar nicht gibt. Durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus hat sich unser Leben komplett verändert. Alles wird so wenig planbar. Wir müssen von Augenblick zu Augenblick leben. Im Moment sind wir zum zweiten Mal im Lockdown, was ein Runterfahren des öffentlichen Lebens bedeutet. Rückzug – Rückzug ins Eigene ist angesagt, Isolierung, Quarantäne. Viele Menschen sind allein und auf sich zurückgeworfen. Gleichwohl ist nicht alles, was zuerst schlimm aussieht auch wirklich so. Als meine Enkelin wegen Quarantäne 14 Tage nicht in den Kindergarten konnte, fragte ich sie, was schöner sei, Kindergarten oder Quarantäne, worauf wie aus der Pistole geschossen kam „Quarantäne - morgens spielt der Papa mit uns und nachmittags die Mama“. Ein junger Mann sagte mir, der gesellschaftliche Stress falle weg und er dürfe jetzt einfach zu Hause bleiben. Das Leben hat sich grundlegend geändert und es bleibt abzuwarten, was uns davon erhalten bleibt. Die Tatsache des Nicht-Planbaren bleibt erst einmal und das allein macht für viele Menschen diese Situation zur Nacht. So wie wir möchten, dass die Tage endlich wieder länger werden, so sehr wünschen wir uns, dass sich das Virus in Schranken weisen lässt.


Jetzt möchte ich noch auf eine Nacht zu sprechen kommen, deren Bedeutung mit ausschlaggebend für diesen Text war: die Nacht von Gründonnerstag. Nach dem Gemeinschaft stiftenden Abendmahl geht Jesus mit den Jüngern in den Garten Getsemani um zu beten. Er bittet sie, zu warten, während er betet. Nur Petrus und zwei weitere Jünger nimmt er mit. Er hat Angst und ist „zu Tode betrübt“ und bittet die drei mit ihm zu wachen und zu beten. Als er zurückkommt schlafen sie. Er weckt sie und geht dann wieder beten. Er bittet den Vater, den Kelch vorübergehen zu lassen, wenn es möglich ist, will er nicht sterben. Das geschieht dreimal. Jedes Mal schlafen die Freunde ein und lassen ihn im Stich. Hier wird die Nacht zum Symbol für die Ausgesetztheit und Verlassenheit Jesu, aber mit ihm des Menschen in existentieller Not überhaupt. Kurz darauf wird Jesus verhaftet durch den Verrat des Judas. Nacht.

Wie oft ist es denn uns schon so gegangen, dass wir uns angesichts unserer existentiellen Not komplett alleine gelassen gefühlt haben. Für andere, selbst nahe Menschen geht das Leben normal weiter, während wir in Not, Angst und Sorge sind, Blut und Wasser schwitzen.


Am dritten Tag danach ist Jesus gekreuzigt, gestorben, begraben und auferstanden. Es ist der Ostersonntag Morgen.  Das Lichtfest überhaupt.

Und am dritten Tag nach der Wintersonnenwende nach dieser langen, langen Nacht  feiern wir Weihnachten, wird ein kleines Kind geboren, noch unfertig, ein Mensch am Beginn, offen, die Fülle des Geheimnisses: „Und das Licht kam in die Welt und die Finsternis hat es nicht ergriffen.“.

Aber dieses Licht ist noch sehr klein. Es leuchtet und ist sichtbar, eben weil Finsternis herrscht, weil sich Menschen auf das Dunkel einlassen, weil das Bewusstsein, die Bewusstheit geboren wurde. Solange die Dinge unbewusst bleiben, in der Nacht versunken sind, ändert sich nichts. Erst das Auftauchen von Bewusstsein hat die Chance, eine Veränderung einzuleiten.


In einem modernen christlichen Kirchenlied heißte es:


„Ich will gegen das Geläut der Leute mein Geschweige stimmen.
Ich will gegen das Gedröhn der Bomben meine Träume summen.
Ich will gegen das Geleucht der Lichter meinen Dunkelheiten trauen.
Ich will für die große Flut der Tränen eine Freudenmauer bauen.“


„Ich will gegen das Geleucht der Lichter meinen Dunkelheiten trauen“. Sind wir daher nicht traurig, wenn es in diesem Jahr weniger Weihnachtsmärkte, weniger Gelegenheiten gibt, um von der Dunkelheit abzulenken, und versuchen wir, unsere eigenen Nächte auszuhalten, zu durchleben. Vielleicht wird auch uns dann ein kleines Licht aufleuchten. Meister Eckhard sagt „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest ewiglich verloren. “










 

 


 

 
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